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Die Geschichte von den schlechten Tagen…

Von Alina aus Potsdam

An guten Tagen bin ich super geduldig und ich kann auf sehr kreative Art und Weise Monster verjagen. Ich kann meine Kinder davon überzeugen, dass wir magische, monsterfeste Farbe auf unserer Haut haben oder ich schaffe es, ihnen beizubringen, dass  Monster eigentlich sehr süß sind und Tutus tragen und fröhliche Kinderlieder singen.



An schlechten Tagen werde ich fies und laut weil ich frustriert bin, wenn meine Tochter zum fünfzigsten Mal wieder aufsteht und zu mir kommt: „Geh einfach wieder ins Bett, jetzt sofort“ ist dann das Letzte, was sie von mir hört, bevor sie schlafen geht.

An wirklich guten Tagen sehen meine Kinder aus, wie aus dem Ei gepellt, sie werden hübsch gemacht und auch ich selber sehe ziemlich gut aus. Dann habe ich wunderschöne, saubere, duftende Kinder. Die Nägel sind geschnitten, die Haare sind gekämmt und geflochten, und auf den Gesichter befinden sich mal keine Essensreste, oder Popel, oder was auch immer das braune Zeug ist.

An richtig miesen Tagen laufen sie herum wie kleine wilde Tiere und das erste Mal, dass ich Zeit finde, mich selbst im Spiegel betrachten zu können, ist, wenn ich mir abends die Zähne putze und ins Bett gehe. Ich bin dann meist erschrocken von dem, was ich da sehe.

An guten Tagen schaue ich ihnen in die Augen, wenn sie mit mir reden. Ich habe den Computer ausgeschaltet. Ich beuge mich runter zu ihnen. Ich will die Erinnerung an ihre süßen Stimmen, die in diesem niedlichen Ton mit mir sprechen am liebsten für immer festhalten und in mir abspeichern.

An schlechten Tagen sage ich: „Oh mein Gott, hört bitte auf, dieses furchtbare Lied zu singen, bevor ich mich aus dem Fenster stürzte. Du nervst!“

An den guten Tagen schaffe ich geduldig und ruhig zu bleiben, während mein Kind zum dreißigsten Mal versucht, sein Lieblings-T-Shirt richtig anzuziehen. Ich greife dann auch nicht ein, um ihm dabei zu helfen. Ich besitze die Geduld, um ihn selbst Erfahrungen machen zu lassen. Es ist mir dann auch egal, ob seine Klamotten nicht zusammenpassen und er so bunt wie ein Clown gekleidet ist. Hauptsache er ist zufrieden.



An schlechten Tagen zwänge ich sie in ihre Klamotten. Ich bestimme, was sie anziehen sollen. Sie weinen und die roten flecken in ihren Gesichtern beißen sich mächtig mit ihren schön abgestimmten Outfits.

An guten Tagen schreibe ich unsere Erlebnisse auf. Ich bin diejenige, die ihnen später erzählen wird, wann sie aufs Töpfchen gegangen sind und wie unheimlich süß sie aussahen, wenn sie schliefen.

An den miesen Tagen sage ich immer wieder „Beeil dich“, und ich eile herum wie eine Furie und bin mit den Gedanken schon wieder bei der nächsten Sache, die ich noch erledigen muss. Ich schaffe sie dann aber auch nicht, weil ich sie inzwischen längst wieder vergessen habe.

An den guten Tagen schaue ich über die Unordnung hinweg und ignoriere sie; die Kleidung ,die überall herumfliegt, das Geschirr, das mich verzweifelt anschaut und endlich gespült werden will, die Böden, die kleben und von Spielzeug übersät sind, die Rechnungen, die sich stapeln…was auch immer. Ich sage: “ Wollen wir auf den Spielplatz gehen?“ Und beide Kinder freuen sich so sehr und ich fühle mich schlecht, weil ich nicht öfter das Chaos einfach Chaos sein lasse.

An den richtig schlechten Tagen lasse ich den Stress des Lebens an ihnen aus. Ich spreche mit dieser unheimlich bösen Mama- Stimme, von der ich nicht mal weiß, woher diese kommt. Das kommt tatsächlich vor.

An guten Tagen, schiebe ich die Hausaufgaben zur Seite und umarme sie, wenn sie frustriert sind, weil die Schule sie überfordert hat. Ich weiß dann, wie wichtig es ist, ihnen beizustehen.

An schlechten Tagen, wenn die unvermeidlichen, frustrierten Hausaufgabenschreie wieder mal auftauchen, rede und rede ich auf sie ein, bis ich selbst nicht mehr verstehe, was ich eigentlich sagen möchte.

An den wirklich guten Tagen gönne ich mir eine große Portion „ach Scheiß drauf, chill einfach ein bisschen“. Ich genehmige mir also eine Portion davon und entspanne mich. Das Leben ist oft gar nicht so schlimm, wie man immer tut, sage ich mir dann. Man macht sich viel zu oft selbst zu viel unötigen Stress.

An meinen schlechten Tagen versuche ich, alles zu kontrollieren, scheitere schließlich und fühle mich dann schlecht, bin traurig und wütend.

An guten Tagen setze ich mich hin und lese ihnen vor. Ich lese und lese, bis sie keine Lust mehr haben. Ich lese, bis sich Stapel von Büchern an der Seite des Stuhls türmen und sie mich hoffnungsvoll anschauen: „Noch eins, Mami?“

An richtig schlechten Tagen habe ich keine Zeit zum Lesen. Nicht einmal ein Moment bleibt, um ihnen vorzulesen.

Ich hoffe, dass sie sich an all die guten Tage später erinnern werden.

Und ich hoffe dass sie meine schlechten Tage irgendwann vergessen können.


 

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