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Die neue Einsamkeit einer Mutter. Ein ehrlicher Erfahrungsbericht.

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Dies ist der erste Gastbeitrag von Amelie B.

Das Gefühl der Einsamkeit hat viele Facetten.

Eine Art, in der ich Einsamkeit kennengelernt habe ist folgende: Unsere Tochter wird geboren. Bis jetzt waren wir beide da, jetzt sind wir zu 3t. Doch plötzlich fühle ich mich immer öfter nicht mehr wie wir 2 plus 1 sondern eher wie 1 plus 1, ich merke nicht, dass Du noch so da bist wie sonst, ich spüre nicht, dass wir eins sind und aus uns etwas gewachsen ist.

So fühle ich mich plötzlich wieder alleine – doch bin ich es gar nicht. Ab heute soll ich es nie wieder sein, denn da ist unsere Tochter. Sie ist immer bei mir, vom ersten Moment ihrer Geburt an – niemand kommt ihr je so nahe wie ich. Auch bist Du ihr sehr nahe, aber diese einzigartige Nähe bleibt der Mutter vorbehalten. Gleich danach kommst Du – und doch frage ich mich, warum mich immer und immer wieder das Gefühl dieser für mich neuen Einsamkeit überkommt.

Unsere Ehe ist kaputt, ich beschließe mich von Dir zu trennen.

Aus einem anfänglichen Überschwang über die wieder neu errungenen Vorteile des Alleinseins wird schnell ein so starkes Gefühl des unangenehmen Alleinseins, der in dieser Form schon sehr lange nicht mehr da gewesenen Einsamkeit, es entsteht Traurigkeit und Verzweiflung, da ist so eine große Leere, die es gilt wieder zu füllen. Nicht mit Altbekanntem, sondern mit Neuem – denn das Alte wollte ich ja nicht mehr. Und das ist schwer. Mir kommt es noch schwerer vor durch die oben beschriebene erlebte Einsamkeit – zu zweit und doch allein.

Nach langer, langer Zeit, ganz langsam verändert sich diese Einsamkeit. Wir sind immer noch zu zweit, meine Tochter und ich, doch so langsam fühle ich mich begleitet, ich fühle mich in Gesellschaft, wenn wir zusammen sind – endlich, endlich, endlich merke ich, wie die einstige Einsamkeit sich in große Glücksgefühle und vor allem ein Gefühl der Zusammengehörigkeit entwickelt hat. Eine sehr beeindruckende Erfahrung. Wie sich Gefühle doch verändern können im Laufe der Zeit.

 

Die oben beschriebene Einsamkeit brachte nach all der Freude über das gewonnene Gefühl der Zu- und Zusammengehörigkeit auch ein sehr negatives Gefühl mit sich: Schuld. Schuld darüber, mich so gefühlt zu haben wie es längere Zeit der Fall war. Wie ist das möglich? Das größte Geschenk Gottes gibt mir nicht das Gefühl unendlicher Freude, Leichtigkeit und Dankbarkeit, sondern lässt mich zweifeln an meinen Muttergefühlen, an meinem klaren Verstand – wie ist Einsamkeit möglich, wenn ich doch gar nicht alleine bin? – solche Gedanken lassen mich zeitweise fast VERzweifeln.

So sehr wünschte ich mir meine frühere innere Ruhe zurück, meine sonst so klare Sicht auf die mir so einfach erscheinende Welt. Wo ist das alles hin? Unbeschwert sein, sorglos einschlafen und aufwachen – noch heute fühle ich mich davon Lichtjahre entfernt. Aber es war schon schlimmer und ich war sicher, erst eine Zeitreise unternehmen zu müssen, um wieder dorthin gelangen zu können. Lichtjahre erscheinen mir da doch deutlich näher dran.

Schuldgefühle kommen über einen schleppenden, zähen Zeitraum. Es zieht sich wie Kaugummi, doch irgendwann sind sie da, diese Gefühle tiefer Schuld. Meinen Mitmenschen gegenüber, mir selbst und auch dem lieben Gott gegenüber. Ich WOLLTE mich nicht so fühlen. Ich WOLLTE so nicht denken. Ich habe mich geschämt. Geschämt für diese ungebremste rasante Fahrt ins tiefe Tal der Schuld. Von Selbstzweifeln geplagt, Unsicherheiten zerfressen – in so vielen, scheinbar allen denkbaren Zusammenhängen: Erfülle ich meine Mutterrolle? Bin ich eine „gute Mutter“? Bis hin zu: werde ich überhaupt jemals im Stande sein, eine gute Mutter zu sein? UND: gibt es eine Möglichkeit, dass ich mich eines Tages mit dieser Rolle identifizieren kann?

In diesem Moment hatte ich den Eindruck alle Menschen um mich herum im Stich gelassen zu haben, allen voran meine Familie und ganz vorne weg meine Tochter, meine eigene Tochter, mein eigen Fleisch und Blut. Alle Menschen, die es immer gut mit mir meinen und für mich da sind, mir zuhören, versuchen mir zu helfen – niemanden kann ich so richtig an mich heranlassen, denn ich bin sicher, ich kann ihnen eh niemals gerecht werden. Sie verdienen so viel Besseres als mich oder das was ich zu bieten habe. Auch hier vorne weg meine Tochter.

Doch da war auch noch ein anderes Gefühl der ach so tiefen Schuld. Nach etlichen Monaten und langen Wochen der schmerzerfüllten Konsequenzen unserer Trennung überkam mich auch hier schleichend immer mal wieder der ein oder andere Zweifel an der Richtigkeit meiner Entscheidung. Hatten wir tatsächlich schon den Punkt erreicht, an dem unsere Ehe keine Chance mehr hatte? War wirklich alles so schlimm, dass man einen endgültigen Schlussstrich bis in alle Ewigkeit ziehen musste? Was, wenn doch alles gar nicht so schlimm und in Wirklichkeit alles ein Irrtum war? Vielleicht war alles viel zu übertrieben, die Sorgen aufgebauscht, die Unsicherheiten herbeigeredet, und unsere Probleme tatsächlich viel normaler als angenommen? Vielleicht waren die Empfindungen rein subjektiv und gar nicht der Realität entsprechend, oder noch viel gravierender – gar nicht der Wahrheit entsprechend?!?

Es war kaum möglich, noch einen klaren Gedanken zu fassen. Sollte es tatsächlich meine Schuld gewesen sein? Auf immer und ewig würde ich mit diesem Selbstvorwurf leben müssen, niemals würde ich die Gewissheit erlangen, dass es „richtig oder falsch“ war, diesen Schritt zu unternehmen. Und nicht nur mit diesem unruhigen, sooo schlechten Gewissen würde es gelten, leben zu lernen, auch vor dem lieben Gott ein ruhiges Gewissen zu erlangen schien in scheinbar unerreichbarer Ferne. Tag und Nacht, bei jedem Aufwachen habe ich mir den Kopf zermartert, wie es möglich war in diesen Zustand der tiefsten Unsicherheit und der selbstvorwurfsgeplagten Wochen zu fallen, die alles dominierten – in mir drin und äußerlich. Ich war ein Schatten meiner selbst – ich hatte Selbsthass entwickelt.

Zwischen all den dunklen, pechschwarzen Stunden, in denen diese negativen Gefühle nur so in mir brodelten, schoss mir tatsächlich von Zeit zu Zeit ein verrückter Gedanke durch den Kopf: Stell Dir mal vor, Dein Schritt war richtig. Stell Dir vor, es war gar nicht falsch, sondern alles fügt sich eines Tages und Du könntest die Gewissheit erlangen, dass es genau richtig und auch der einzig mögliche Schritt war. WAHNSINN. Kann kaum beschreiben, welche Kraft die Euphorie, die extreme Erleichterung, ja mit welcher die Kraft der Liebe zu meinen Mitmenschen „drohte“ wieder in mir aufzuflammen – doch bevor ich diese Gefühle überhaupt hätte benennen können, wähnte ich mich nicht länger in dieser Illusion sondern kehrte in die Realität zurück, grau und schwarz, wolkenverhangen und eine endlose Schwere.

Eines Tages kam die Erlösung.

Dabei war ICH es doch, die sich verlassen gefühlt hat. Von allen guten Geistern habe ich mich verlassen gefühlt. Und wenn es einmal soweit gekommen ist, so gibt es für mich rückblickend nur eine Möglichkeit, um dieser „geistigen Umnachtung“ zu entrinnen: es braucht ein Zeichen. Ein Zeichen von oben, ein klares, deutliches Zeichen, das keine Zweifel mehr offen lässt, sondern sie wegwischt, sie auslöscht und sie für immer verbannt in unerreichbare Ferne.

Das Zeichen nahm alle meine Zweifel, setzte ein Ausrufezeichen an die Stelle der vorher da gewesenen 1.000 Fragezeichen, die tiefe Unsicherheit verschwand – und über Nacht war der Selbsthass quasi wie weggeblasen. Doch auch der Weg aus einem so tiefen Tal, aus den pechschwarzen Nächten ist ein Prozess. Es dauert. Es dauert bis die Sonne wieder scheint, bis das Herz wieder lacht und die Augen wieder strahlen. Doch sofort weiß man auf einmal, dass ab jetzt alles drin ist. Alles ist (wieder) möglich, es ist nur eine Frage der Zeit. Eine Frage des Willens, des Ehrgeizes, der Ausdauer und eine Frage des Vertrauens.

Mein zentrales Fazit aus der bisher schwierigsten Phase meines Lebens:

Eine Veränderung der Gefühle ist immer erst unangenehm – das Altbekannte wird verlassen, der Prozess der Umstellung ist mühsam und schmerzhaft – doch es ist ein Prozess, der auch ein Ende hat – und am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende. WIE EINFACH!

mutterwelt

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